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Vorwort
Ich will mit dieser Erzählung über des Rennen im Jahr 2004 den wahrscheinlich wiederholten, aber dennoch erneut untauglichen Versuch unternehmen, die fast unglaublichen Dimensionen der Fahrt und die Erlebnisse und Empfindungen der Mitglieder unserer Dreiergruppe so darzustellen, dass auch Freunde und Bekannte, die nicht in Schweden dabei sein konnten, verstehen, was dort am Vätternsee seit 39 Jahren am Wochenende vor der Sonnenwende als weltgrößtes Radsportereignis abläuft.
Wir in unserer kleinen Dreiergruppe haben gemeinsam, dass wir alle über 50 Jahre alt sind, aus Mecklenburg – Vorpommern stammen und sind seit einigen Jahren dem Radsport treu ergeben sind. Dieter T. aus Kasnevitz ist mit 56 Jahren unser Alterspräsident. Aus Dabel bei Sternberg stammt Siggi W. Ich, Herbert T., als Schreiber dieser Geschichte, nenne Zirkow auf Rügen seit über 31 Jahren meinen Heimatort.
An dieser Stelle möchte ich auch unseren treuen Begleiter Helmut B. aus Binz erwähnen, der mit seinem Wissen, seinen Erfahrungen und seinem trockenen Humor sehr zum Gelingen der Fahrt beigetragen hat.

Wo soll man bei der Beschreibung eines so ungewöhnlichen Radsportereignisses beginnen. Es ist nicht so leicht und es stellt sich für viele die grundsätzliche Frage: Wo liegt eigentlich der Vätternsee ?
Wenn Sie, liebe Leser dieser Geschichte, in der Zeit von Mitte Mai bis Mitte Juli um Mitternacht bei klarer Sicht nach Norden blicken, erkennen Sie zumindest im Bereich der Inseln Rügen und Hiddensee flach über dem Horizont eine helle Lichterscheinung. Sie ist der kleine sichtbare Teil des Sonnenlichtes, das im hohen Norden dafür sorgt, dass die Sonne auch in der Nacht nicht untergeht. Genau in dieser Richtung, etwa 500 km nördlich von ihrem Standort, liegt dann der Vätternsee, der dem weltweit größten Radsportereignis seinen Namen gab.
Fangen wir zur Einstimmung auf diesen Bericht einfach mit den allgemeinen Daten über den Vätternsee an.
Der „ See „ , wie wir ihn liebevoll bezeichnen, befindet sich in Mittelschweden zwischen den Großstädten Stockholm und Göteborg, wobei beide Städte in etwa 300 km in Richtung Osten bzw. Westen entfernt liegen. Es handelt sich um den zweitgrößten schwedischen und den fünftgrößten europäischen Binnensee. Dieser ist ca. 130 km lang und liegt in einem reizvollen, abwechslungsreichen, landschaftlichen Gebiet. Im Nordwesten des Sees befindet sich der
Nationalpark „Tiveden“
Die zum Teil sehr bergige Strasse, die um den See herumführt, ist nach Angaben des Veranstalters genau 300 km lang.Der Vätternsee ist als Bestandteil des Götakanals in der ganzen Welt bekannt geworden. Der Götakanal selbst wurde durch den Rüganer Baltzahr von Platen aus dem Gemeindegebiet von Schaprode entworfen und gebaut. Aus diesem Grund verbindet die Insel Rügen und die Stadt Motala, die Start- und Zielort des Radmarathons ist, ein besonderes Verhältnis.
Der Fahrtbericht
Unsere Anreise nach Motala erfolgte am 17.06.2004 über die Königslinie und begann mit der Überfahrt nach Trelleborg/Schweden auf dem Fährschiff „ Sassnitz „. Nach einer anschließenden vierstündigen Autofahrt kamen wir in Motala an.Dort bauten wir unsere Zelte wieder an dem uns bereits zur Gewohnheit gewordenen Standort auf einem Sportplatz in der Nähe des Startes auf. Am Abend gehörten noch ein paar Kilometer per Rad in die nähere Umgebung von Motala zum Programm. Am nächsten Tag begaben wir uns in das Informations-zentrum, um unsere Startnummern in Empfang zu nehmen. Da wir unterschiedliche Startzeiten hatten, aber zusammen in einer Gruppe fahren wollten, investierten wir jeder noch 50 Schwedenkronen. Diese Entscheidung und Investition sollte sich für den Ablauf der Fahrt als noch sehr wichtig und richtig erweisen. Zur Erläuterung sei an dieser Stelle vermerkt, dass sich für dieses Radrennen 17.500 Starter anmelden.
Durch die verschiedensten Ausfälle bedingt gehen dann in der Regel etwa 16.000 Fahrer an den Start. Damit es keinen Massenauflauf auf der Strasse gibt, werden durch den Veranstalter Startergruppen gebildet, in denen dann ab 20.00 Uhr 60 bis 70 Fahrer im Zwei-minutentakt an den Start gehen. Die letzten Fahrer begeben sich dann erstnach 05.00 Uhr am nächsten Morgen auf die Bahn.Ziel des Rennens ist eigentlich die Bewältigung des Weges an sich und nicht die Fahrzeit. Jeder Fahrer, der die Distanz von 300 km meistert, ist ein Gewinner. Diese Feststellung erhielt im Juni 2004 ein neue Dimension.
Nachdem wir noch die Startdokumente unseres Freundes Henning C. an den Mann gebracht hatten, gab es zu Mittag die von Dieter bereits in Deutschland in einem großen Topf gekochten und mitgebrachten Nudeln.
Dieter steht auf diese Kraftnudeln, die es mal mit Zucker, aber auch mit Tomatenmark gibt. Ich esse diese Dinger allerdings nicht wegen des guten Geschmacks, sondern eher aus der Vernunft heraus, dem eigenen Körper größere verfügbare Mengen Energie zuzuführen. Meistens schaffen wir nicht alles aufzuessen. Der Rest ist dann immer ein Festschmaus für die Möwen, Krähen und Dohlen, die unsere Abreise ungeduldig herbeisehnen. Am Nachmittag des 18.6.2004 unternahmen wir noch eine kleine Aufwärmtur zum Götakanal. Dabei besuchten wir die Schleusentreppen östlich von Motala. Da gerade eine Schiffspassage erfolgte, nahmen wir uns die Zeit, die technischen Abläufe zu beobachten. Es war schon sehr interessant.Nachdem wir tagsüber sehr gutes Wetter hatten, kam es am Nachmittag langsam aber sicher zu einer Wetterverschlechterung. Das Abendessen nahmen wir schon in Begleitung von Regenfällen ein. Die Temperaturen gingen langsam, aber mit konstanter Boshaftigkeit, zurück. Gegen 20.00 Uhr gingen wir zum Start, um den ersten mutigen Radfahrern unsere Ehrerbietung zu erweisen. Es hatte da noch den Anschein einer Wetterbesserung, die aber nicht eintreten sollte. Die Stimmung war trotzdem kolossal gut. Alle Teilnehmer und die vielen aktiven Helfer waren mit Leib und Seele bei der Sache.
Unsere Startzeit lag in den frühen Morgenstunden um 02.24 Uhr, so dass wir noch ein wenig erzählen und schlafen konnten. Der Regen wurde immer stärker und störte natürlich auch den für uns so wichtigen Schlaf. Wir begannen, jeder für sich in seinem Zelt, drüber zu grübeln, welche Sachen man anziehen und welche auf die Fahrt mitgenommen werden sollten. Die Auswahl der Sachen für die Fahrt ist immer sehr schwierig, weil man die unterschiedlichsten Wetterereignisse nur in den seltensten Fällen vorab richtig beurteilen kann. Sicherheitsfanatiker nehmen in der Regel zu viele Sachen mit und leiden damit unter der Gewicht dieser Dinge.
Gegen 01.00 Uhr war dann aufstehen angesagt. Etwas schlaftrunken vergaß ich das Wasser, welches sich auf meinem Zeltvordach angesammelt hatte. Ungefähr 5 Liter Wasser über den Hals und den Nacken sorgten dann schnell für morgendliche Frische. Ich hatte in diesem Moment nicht nur einen dicken, sondern nun auch einen nassen Hals. Helmut sagte später, dass er unter diesen widrigen Witterungsumständen gar nicht erst aufgestanden und damit auch nicht losgefahren wäre. Offensichtlich hatten diese Einstellung auch viele andere Radfahrer. Im Gegensatz zu den anderen Jahren gingen von den angemeldeten 17.500 Radfahren nicht, wie in den vergangenen Jahren, gut 16.000, sondern nur rund 15.000 Starter in die Startboxen, um dann über die elektronischen Datenerfassungsanlagen zu fahren. Auf Grund der extremen Witterungsverhältnisse versuchte ich nachts im Vorfeld unserer Startvorbereitungen mit meinen Kollegen eine neue Strategiediskussion zu entfachen. Ich konnte mir jedoch noch kein richtiges Gehör verschaffen. Hintergrund meiner Überlegungen war, das Thema „ Durchhalten „ und nicht„ das Erzielen einer guten Fahrzeit „ in den Mittelpunkt des Gespräches zu stellen.
Es war wohl noch zu früh für solche Überlegungen. Vielleicht hatte ich auch nach einem Tag Aufenthalt in Schweden vergessen, dass in Old Germany „ der zweite schon der erste Verlierer ist „.Wir fuhren dann pünktlich um 02.24 Uhr am frühen Morgen ab. Im Gegensatz zu den bei gutem Wetter eher hellen Nächten im Norden, war es an diesem Tag durch die tief hängenden Regenwolken extrem dunkel.Aber schon nach zwei Kilometern kam die erste faustdicke Überraschung. Trotz Kälte und starkem Regen liefen auf der Götakanalbrücke in Motala drei nackte Männer umher und feuerten die Fahrer kräftig an. Was für eine Wahnsinnseinlage.Bereits nach einer Stunde wurde es dann hell und wir konnten die Lampen abschalten. Die Kleidung war bereits vollständig durchnässt. Zunächst wollten wir am ersten Depot in Hastholmen am Kilometer 43 vorbeifahren. Wir entschieden uns dann doch für einen Stopp zur Einnahme warmer Getränke und um eine Kleinigkeit zu essen. Der Regen ließ dann vollständig nach, aber von der nassen Strasse wurden wir von den Vorderleuten immer noch ausreichend mit Wasser versorgt. Die Bekleidung begann nur sehr langsam zu trocknen. Auf der Fahrt zum Depot in Gränna am Kilometer 79 bekamen wir dann zum ersten Mal den „ SEE „ in seiner vollen Größe und Schönheit zu sehen. Rechts der Strasse hohe Felsen und links der See. Es ist immer ein wunderbares Gefühl und Erlebnis, an diesem Punkt der Strecke angekommen zu sein. Wenig später taucht dann auf der rechten Seite der Strecke die Schlossruine „ Brahehus „ auf, von der man unserer Auffassung nach den schönsten Blick über den See hat. Hierfür hatten wir zu diesem Zeitpunkt leider keine Zeit.Das Wetter wurde besser und wir waren frohen Mutes auf eine vielleicht noch völlig normale Tour. Die Berge vor Jönköpping machten uns keine größeren Sorgen. Dieter und Siggi zogen ein wenig an den Ketten, während ich mein allgemein bekanntes Problem mit den Bergen „genoss“. Es ist eben ein Unterschied, ob man 100 oder nur 80 Kilogramm den Berg hinauf bringen muss. In Jönköpping, dem dritten Depot am Kilometer 108 und gleichzeitig dem südlichsten Punkt der Tour, gab es wie immer Stampfkartoffeln, von denen man „stumpfe“ Zähne bekommt, 1 Paar Wiener Würstchen und Salzgurken. Jeder brachte seine Kleidung, soweit wie möglich, in Ordnung. Einige Kleidungsstücke gaben wir beim Transportservice ab, um uns gewichtsmäßig weiter zu entlasten, vielleicht war dies auch etwas voreilig.
Die Stampfkartoffeln müssen offensichtlich das reine Kraftfutter sein. denn die Berge hinter Jönköpping in Richtung Fagerhult gingen wir recht zügig und ohne Probleme an. Die Räder rollten und wir entschlossen uns, das Depot in Fagerhult am Kilometer 140 nicht anzufahren. Dort ist es immer sehr eng und zuwenig Müllcontainer machen es den fleißigen Helfern nicht so einfach, die nötige Ordnung über den gesamten Tag zu halten. Wir hielten stattdessen in einer Parktasche im Wald an. Die Pause nutzen wir zum Verrichten aller möglichen dem Menschen bekannten Bedürfnissen. Danach fühlten wir uns wieder pudelwohl und setzen uns mit einer guten durchschnittlichen Geschwindigkeit von über 30 km/h in Richtung Hjo in Bewegung.
Am Kilometer 160 kam es dann völlig unerwartet auf gerader und trockener Strecke zu einem Massensturz, in dem Siggi und ich direkt verwickelt wurden. Offenbar gab es beim Vorbeifahren einer Speedguppe an einer etwas langsameren Fahrergruppe eine Kollision, in deren Folge mindestens 2 Fahrer schwer verletzt wurden und viele andere hineinfuhren und ebenfalls stürzten. Siggi und ich konnten zwar noch an den Bremsen herumziehen, doch die Kollision mit bereits auf der Strasse liegenden Fahrern und Fahrrädern konnten wir nicht mehr verhindern. Es ging alles so schnell. Ich weiß nur noch, dass ich mich reflexmäßig in Richtung Strassengraben orientierte und irgendwie noch die Füße aus den Klickpedalen raus bekam. Dann war ich auch schon in der Luft. Haltungsnoten, wie sie beim Eiskunstlaufen vergeben werden, bekam ich leider nicht. Die mit Gras bewachsene Böschung des Grabens minderte offensichtlich die Wucht des Aufpralls bei der Landung. Nach einem persönlichen Gliedmaßencheck begab ich mich zu Siggi und Dieter auf die Strasse, dort wo mein Fahrrad lag. Ein paar Schürfwunden am rechten Knie und leichte Schmerzen in der rechten Schulter erwiesen sich für das Fortsetzen der Fahrt als nicht hinderlich. Der Technikcheck und kleinere Reparaturen am Fahrrad, bei denen im ersten Schreck Dieter die Übersicht behielt, machten es möglich, die Fahrt nach Hjö und dann auch bis zum Ende fortzusetzen. Auf die Gangschaltung konnte ich wegen des verbogenen Schaltauges nureingeschränkt zurückgreifen. Ich hatte immer wieder Schaltprobleme und in den Bergen musste ich mich ganz schön wegen der ungüstigen Übersetzung anstrengen. Siggi hatte mit seinem Rad, bis auf eine kleine Unwucht im Hinterrad, keine weiteren Probleme. Dieser Sturz hatte mich allerdings nervlich doch belastet und ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. Es war nicht das ganz große Fahrgefühl, erst recht nicht, wenn sich auf der Strasse dicker Verkehr aufbaute. Der Lustfaktor ging ungefähr auf 50 Prozent zurück, um vielleicht etwas anschaulich meine Situation zu schildern.Die Lassanje in Hjo am Kilometer 178 war wie immer ein gutes Erlebnis und tat dem Körper richtig gut. Dazu noch warmen Kaffe und die Stimmung wurde wieder besser. Beim Essen machte ich zwar Dieter und Siggi noch den Vorschlag, alleine vorzufahren. Ich hatte einfach das Verlangen, alleine und in einem von mir selbst bestimmten Tempo weiterzufahren.Dieser Vorschlag wurde aber nicht angenommen. Das sollte für den weiteren Verlauf der Fahrt eine der wichtigsten Entscheidungen sein. Unser Team und alle anderen auf der Strecke befindlichen Fahrer, sollten ihre konkrete Bewährungsprobe bekommen. Gleich hinter Hjo setzte der Regen ein, erst langsam, dann immer stärker werdend. Die Temperaturen lagen unter 10 Grad und der Wind nahm ständig zu. Zu diesem Zeitpunkt waren noch 120 km zu fahren. Die Fahrt bis zum Depot in Karlsborg, der Stadt, in der der Götakanal Richtig Westküste den Vätternsee verlässt, verlief ohne größere Erlebnisse. Wir stemmten uns gegen den zunehmenden Wind und gewöhnten uns langsam an den kalten Regen. Es sollten die schlimmsten 120 km werden, die wir je mit Fahrrädern gefahren waren. Was jetzt kam, war die Tour der Leiden, der Schwächeanfälle und des massenhaften Ausscheidens von Fahrern, die mit den extrem widrigen Bedingungen nicht mehr zu Recht kamen.
Vielen war die Erschöpfung schon von weiten und von hinten anzusehen. Auch an uns gingen die Strapazen nicht spurlos vornüber. Es mag wie ein Hohn klingen, aber nur beim Fahren fühlten wir uns einigermaßen gut und der Körper produzierte das gute Gefühl von Wärme. Während der Aufenthalte in den nachfolgenden Depots froren wir jämmerlich und es wurde immer mehr zum Bedürfnis, so schnell als nur möglich, wieder loszufahren. Als Dieter im Depot Boviken am Kilometer 232 unangemeldet und ohne Voran-kündigung die Toilette aufsuchte, mussten Siggi und ich unangemessen lange am Ausgang des Depots warten. Da lagen die Nerven schon ein wenig blank, weil zusätzlich vom See ein extrem kalter Wind blies, der durch alle Jacken hindurch bis unter die Haut auskühlte.Am Eingang zum Nationalpark „ Tiveden “ empfingen uns wieder die Prediger der Sekte „ Zeugen Jehova „. Über die große Beschallungsanlage waren sie schon eher zu hören als zu sehen. Die Prediger gehören einfach zur Fahrt um den „ See „ dazu.Wenn es allerdings einen Wettergott geben sollte, schienen die Prediger zumindest an diesem Tag nicht den ganz heißen Draht ins Jenseits gehabt zu haben. Auch das Erbarmen dieses Gottes mit den Radfahrern hielt sich ziemlich in Grenzen. Dies war aber alles nicht so dramatisch, weil unsere diesbezüglichen Erwartungen eher gering waren.Von der ansonsten herrlichen Fahrt durch den Nationalpark „Tiveden „ und von den herrlichen Ausblicken auf den See bekamen wir nicht viel mit. Die volle Konzentration auf den Vordermann und immer wieder eine Menge Wasser von den Reifen der Vorderleute und von der Strasse im Gesicht, kämpften wir uns in Richtung Nordspitze des Sees vor.Unsere Dreiergruppe funktionierte unter diesen widrigen Bedingungen eigentlich gut. Siggi, der das Fahren im Pulk und im Windschatten aus seiner Trainingsvorbereitung nicht so gut kannte, übernahm immer wieder die Führungsarbeit. Gegenseitige aufmunternde Worte machten insgesamt Mut. Die diesmal an den Straßenrändern eher wenigen Zuschauer wurden durch ihre Anfeuerungsrufe, oder waren es schon Beileidsbekundungen, für die Psyche der Fahrer immer wichtiger.Dann kam die verrückte Brücke über den Hammarsundet in Sicht. Diesmal war es nicht nur ein unbestimmter Wind, der uns empfing, sondern schon einige Windstärken direkt von vorn. Im Depot Hammarsundet am Kilometer 262 wurde nochmal richtig gegessen. Vor allem der warme Blaubeersaft, von dem wir größere Mengen tranken, belebte den Körper erneut. Auch erledigte ich an dieser Stelle weitere Reparaturen an meinem Rad, wobei ich natürlich wieder vergaß , den Reißverschluss der Werkzeugtasche zu schließen, was in der Folge der Fahrt noch zu einer kleinen, aber unbedeutenden Unterbrechung, führte, denn ich musste zurück und meinen Werkzeugschlüssel suchen. Von Dieter bekam ich für diese Aktion natürlich kein großes Lob.
Auf der Fahrt zum Depot Medevi am Kilometer 282 äußerte sich Dieter dann dahingehend, dass er die Fahrt nun in einem ruhigen Tempo fortsetzen und zu Ende bringen wolle. Die Belastungen wurden immer größer und hinterließen immer deutlicher werdende Spuren des körperlichen Verfalls. Siggi hatte zu unserer Verwunderung offensichtlich alle Schmerzen überwunden und wollte zur seiner eigenen Bestätigung und die der seiner Bundeswehrkameraden noch einmal richtig an den Ketten ziehen, was ihm dann letztendlich neun Minuten Vorsprung einbrachte. Die Frage nach dem Sinn dieser Aktion haben wir dann nicht wirklich gestellt. Siggi ließ das Depot in Medevi aus und setze seine Fahrt alleine fort. Dieter und ich beschlossen, im Depot Medevi noch einmal zu essen und zu trinken. Diese Entscheidung war gut, denn es erwartete uns noch eine weitere böse Überraschung des Veranstalters.Statt, wie bisher immer, auf der Hauptstrasse direkt nach Motala zu fahren, wurden wir auf Nebenstrassen umgeleitet. Diese schmalen Strassen hatten ein hügliches Profil und es gab viele Kurven.Die Radfahrer waren ziemlich genervt und der Regen machten diesen Umweg von rund fünf Kilometern zu einer Tortur. Es hatte den Anschein, als ob dieser Umweg kein Ende nehmen wollte. Dann aber kam Motala in Sicht. Es konnte uns nun nichts Ernsthaftes passieren. Zur Not hätte man den Rest der Strecke auch zu Fuß gegen können. Schnell fuhren wir durch die Vororte von Motala, am Startbereich vorbei und bogen dann nach 14 Stunden Fahrzeit in die Zielgrade am Seeufer ein. Welch ein Empfang. Trotz des schlechten Wetters waren sehr viele Menschen da, die uns anfeuerten und sich mit uns freuten.
Allen waren die Torturen der Fahrt in die Gesichter und den Körper geschrieben. Etliche Fahrer hatten nicht mehr die Kraft, um alleine und elegant abzusteigen. Sie fielen einfach nur um. Andere stützten sich ab und halfen sich gegenseitig von den Rädern. Dieter und ich fassten uns bei der Zielankunft an den hochgestreckten Händen und fuhren zusammen über den Zielstrich.
Auf diesen Ausdruck von Freude über ein gemeinsam erreichtes Ziel wurde wohl auch einem Reporter vom Regionalrundfunk aufmerksam, der uns dann noch zu einem kurzen Interview bat, welches live aus dem Zielraum über Lautsprecher übertragen wurde. Durch dieses Interview bekam auch unser Freund Helmut, der sich seit dem frühen Vormittag im Zielbereich aufhielt, mit, dass wir angekommen waren. Welch eine herzliche Begrüßung. Helmut versuchte dann noch ein paar Fotos zu machen, die in der Nachbetrachtung auch sehr gut geworden sind.
Wir ließen dann die übliche Prozedur, Sensor abgeben, Zielfoto machen und Medaille entgegennehmen, über uns ergehen.Auf das schon bei warmem Wetter viel zu kalte Zielbier verzichteten wir natürlich. Nachdem alle Belastungen von uns gefallen waren, standen wir hinter dem Ziel und warteten auf Helmut. Dem Dieter begannen die Zähne vor Kälte zu klappern. Dieser Gesichtsausdruck erinnerte mich an Zeiten aus meiner Kindheit, wenn wir entgegen der Warnungen unserer Eltern viel zu lange im Badesee waren.
Auf dem schnellsten Wege begaben wir uns zu unseren Zelten. Ein heißer Tee mit viel Wodka drin und danach ein gutes Essen ließen die Lebensfunktionen langsam wieder anlaufen. Der Abend wurde dann nicht mehr so lang. Wir waren einfach nur fertig. Der Schlaf in der Nacht war tief und fest.
Nachbetrachtung
Nun fragen sich so manche Zeitgenossen, warum machen die so etwas, nehmen riesige Strapazen auf sich, ruinieren sich vielleicht sogar ihre Gesundheit, wo es doch eigentlich keinen Preis zu gewinnen gibt? Bis auf die Medaille am Ziel, eine Urkunde. die ein viertel Jahr später nachgereicht wird und einen Internetauszug über die Fahrtzeit, gibt es tatsächlich keine große Anerkennung von außen.
Deshalb muss man die Frage auch im Wesentlichen mit inneren Vorgängen im eigenen Körper, bis hin zur Ausschüttung von Glückshormonen, beantworten. Man hat sich selbst bezwungen, kennt seine Leistungsfähigkeit und auch seine Grenzen. Dieses Wissen um den eigenen Körper lässt uns die täglichen Aufgaben und Entscheidungen des Lebens leichter machen.
Etwas wissenschaftlicher kann man diesen Prozess so ausdrücken:
„ Das eigene Handeln ist von der Eigenmotivation abhängig, und davon, ob es eher selbst- oder fremdbestimmt ist.
Das Gefühl „ … ich muss … „ weist auf eine Fremdbestimmung hin.
Das Gefühl „…. ich will …. „ zeugt von Selbstbestimmung.
Als das höchste Maß an Selbstbestimmtheit erweist sich das Bedürfnis, bestimmte Aufgaben meistern zu dürfen. Das führt zu einer inneren Dynamik, die das eigene Handeln als logische Konsequenz zur Folge hat „.Und dann gibt es da noch die Frage, warum der Aufenthalt dort am Vätternsee so angenehm ist? Neben der Landschaft und den fremden Eindrücken, sind es die Menschen, die alle um diesen großen See herum fahren wollen und es eigentlich nicht müssen. Diese gemeinsame positive Einstellung der Menschen ist sehr angenehm, überträgt sich und macht einfach nur froh.
Und es bleibt immer noch das Erlebnis einer ausgesprochenen Teamleistung und der Entschluss zur Teilnahme am 40. Rennen im Jahre 2005. Es kann nicht schlimmer kommen.
Herbert Trilk
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